Seitdem ich barfuß laufe (insgesamt mittlerweile gut 5 Jahre) teste ich meine Grenzen aus wo und wann ich mich traue und es auch angebracht ist.
In der Schule hätte ich mich das niemals getraut, da wo ich war gab es zum Beispiel mal einen Lehrer (der ohnehin einen komischen Ruf hatte), der barfuß zur Schule kam und damit einen riesen Wirbel erzeugt hat.
Anderenseits habe ich mich viel im Netz belesen, unter anderem in mittlerweile stillegelegten Foren, und ich habe einige Erfahrungsberichte über Mitschüler oder eigene Erfahrungen in der Schule ohne Schuhe gefunden.
Unter anderem das und der Fakt, dass ich absolut niemanden kenne, der es ansatzweise so sehr fühlt und versteht und praktiziert wie ich, barfuß zu laufen, geben mir den Eindruck, dass meine Generation im Vergleich zu vorherigen einen riesen Bogen um blanke Füße macht. Aber warum ist das so?
Wie sind so eure Erfahrungen was zum Beispiel die Schule oder die Uni betrifft?
Ich bin bald höchstwahrscheinlich an der THM in Friedberg, kennt sich da jemand zufällig aus und weiß, ob ich da auch ohne Schuhe hin kann?
Du hast recht - ich sehe es als „alter“ Barfüssler genauso. Wir hier in Berlin haben in unserer Barfuss-community zwar fast 30 Mitstreiter, die mehr oder weniger auf nackten Sohlen laufen und bei unseren events, die 5x jährlich stattfinden, oft dabei sind. Aber auch da gibt es nur 6,7 davon, die um die 30 Jahre alt sind. Man muß das Barfusslaufen immer und überall bekanntmachen, bei Kontakten positiv beurteilen, andere anregen, auch barfuss zu sein und in der Öffentlichkeit jede Gelegenheit nutzen, es als gesund und empfehlenswert zu bewerten.
Meinst du Beiträge aus Ende der 1990er/Anfang der 2000er aus Hobby? Barfuß! auf Parsimony? Beispielsweise von Lotsi, Katja, Rebecca, Michaela und Kris?
Ich denke, dass dieses Phänomen generationsunabhängig auftritt. Das Phänomen ist einer der Gründe, warum es dieses Forum hier gibt. Damit zumindest die wenigen Menschen, die es praktizieren, sich austauschen können, weil sie sonst nicht zueinander finden.
Ich kann sagen, dass es hier im Forum weitere Nutzer gibt, die vom ähnlichen Alter wie du sind. Dieses Forum ist auch bewusst so konzipiert, dass sich jüngere Generationen hier wohlfühlen sollen. Auch weil ich als Admin selbst zur jüngeren Generation gehöre.
Ältere Menschen können das Barfußlaufen leichter ausüben. Sie leben nicht mehr bei den Eltern und gehen nicht mehr in eine Schule, in der sie gemobbt werden können. Sie haben viel mehr Möglichkeiten, das Barfußlaufen „heimlich“ auszuüben, also zu vermeiden, dass die barfuß Menschen begegnen, die sie persönlich kennen. Ein älterer Mensch hat leichter die Möglichkeit, mit dem Auto in eine weit entfernte Stadt zu fahren, wo ihn niemand kennt und kann dort barfuß laufen. Die einzigen, die ihn sehen, sind wildfremde Menschen, denen er nie mehr begegnet.
Ein Schulkind, das bei den Eltern wohnt und nicht Auto fahren kann, kann das eher nicht.
Ist das denn so? Ich kann über die jahrzehnte keine signifikanten veränderungen feststellen, es gibt immer eine gewisse minderheit, die bei geeigneten bedingungen barfuß geht.
Das betrifft insbesondere kinder im ländlichen raum im sommer in den Alpenländern. So weit sie überhaupt draußen anzutreffen sind (dass kinder allgemein weniger raus gehen, ob mit oder ohne schuhe, da sie ihre zeit eher vor bildschirmen verbringen, und dass viele dörfer tagsüber ziemlich ausgestorben wirken, ist allerdings auch zu bemerken). Und manche davon sind im garten, park, spielplatz oder freibad barfuß, haben aber irgendwo schuhe stehen, um sich außerhalb dieser geschützten zonen zu bewegen.
Es gibt übrigens nach wie vor viel mehr leute, die „einfach so“ barfuß gehen, wenn es ihnen danach ist, als solche, die daraus ein event machen, sich an foren und sozialen medien zum thema beteiligen, zu barfußtreffen gehen.
Das thema „barfuß aus gründen von gesundheit und wellness“ ist heute deutlich präsenter (ich hoffe nicht nur in einer gewissen „bubble“). Auch dass es kindern gut tut, barfuß aufzuwachsen. Wenn eltern das fördern, oder zumindest ihnen nicht vermitteln, dass es irgendwie „falsch“ wäre, sich in beliebigen situationen für barfuß zu entscheiden, kriegen wir vielleicht auch keine generation von barfüßlern, aber zumindest zunehmende toleranz …
Weltuntergangspanik können wir uns übrigens für wirklich schwerwiegende probleme wie klimaerhitzung und artensterben aufheben, die anzahl barfüßler wird vermutlich etwas fluktuieren und es bleibt im großen und ganzen ein minderheitenprogramm. Dass wir inzwischen nicht mehr als verrückt gelten, sondern eher in die gesundheitsapostelecke gesteckt werden, ist sicher nicht verkehrt.
Eine große Bewegung war es nie, aber dein Eindruck deckt sich leider sehr gut mit meiner Erfahrung: als ich Anfang der Nullerjahre Student war, bin ich deutlich häufiger anderen – vor allem jungen – Barfußläufern begegnet als heute. Gerade auf dem Uni-Campus war es im Sommer mitunter fast eine kleine Barfußoase – zumindest kam es mir so vor. Es waren natürlich keine Scharen nackter Füße, aber ich habe fast täglich einzelne Studenten barfuß gesehen. Auch in der Stadt war das im Sommer wirklich keine Seltenheit.
Heute bin ich immer noch an der Universität, denn ich bin inzwischen Dozent geworden. Und inzwischen erlebe ich ganze Sommersemester, ohne buchstäblich einen einzigen Barfußläufer zu sehen. Auch Gleichgesinnte, mit denen ich mich seit langem austausche, erzählen Ähnliches und hier im Forum wird diese Beobachtung ebenfalls immer wieder geteilt.
Die Mode hat sich natürlich verändert, Sneakers und lange Sportsocken sind hoch im Kurs. Vielleicht hat sich mit den Social Media auch das Verhältnis zum eigenen öffentlichen Bild verändert: das eigene Auftreten wird stärker kuratiert als noch vor zwanzig Jahren.
Aber was dein aktives Barfußlaufen betrifft, würde ich mir da keine Gedanken machen: ich habe an der Universität bis heute nie Probleme gehabt, nicht einmal als Dozent. (Gut, an der Kunst- und Musikfakultät ist die Atmosphäre ohnehin sehr locker.) Aber insgesamt wird man in der Gesellschaft so gut wie überall akzeptiert. Manchmal gibt es neugierige Blicke oder Fragen, mehr aber auch nicht. Ich würde einfach ganz selbstverständlich auftreten.
Früher gab es noch keine rosa Balken. Die Bildauflösung bei Röhrenfernseher und VHS war schlechter, aber wenn es Nacktbilder gab, war es wenigstens echt und unverfälscht.
Ob es wirklich weniger wird ist für mich etwas schwierig zu beurteilen, ich bin er im Ländlichen Raum aufgewachsen so bis Anfang der nuller Jahre war ich dort auch öfter. Meiner Meinung nach macht das viel aus, zudem ist eine Uni -meine Beobachtung in einer Uni Stadt lebend- doch ein Kosmos für sich.
Ob wir prüder im Bezug auf Nacktheit allgemein werden, würde ich schon so sehen - wenn ich an meine Eltern bzw alte Filme der 60-80er denke.
Die schwedische verfilmung von 1986 der Kinder aus Bullerbü hat nicht nur einen sehr hohen barfußanteil, sondern auch eine nackbadeszene, die vermutlich heute nicht mehr so problemlos wäre. Die originalversion liegt hier:
Nackte kinder im plantschbecken im freibad und im brunnen in der stadt habe ich früher öfter gesehen, heute wird das aus verschiedenen gründen vermieden, auch aus gründen der allgegenwärtigen kameras. Ist ein breites thema, das hier vielleicht nicht hergehört.
Jedenfalls, wie ist es mit der empfundenen akzeptanz auf dem land, in dörfern und kleinstädten? Barfuß wird vermutlich je nach situation noch eher toleriert als kleidung, die irgendwie als aufreizend verstanden werden könnte (bauchfrei, miniröcke, tiefe ausschnitte …) Und nach punkfrisuren drehen sich die einen oder anderen noch um. Neulich habe ich mich noch mit einer lehrerin unterhalten, die der ansicht war, die schüler müssten sich schon in der schule daran gewöhnen, dass es dresscodes gibt wie später im beruf auch (wir wurden nicht einer meinung; ich entgegnete ihr, dass die kleidung absolut nichts mit dem lernerfolg zu tun hat und längst nicht alle berufe schlips und anzug erfordern).
Im weiter oben verlinkten Y-History-film sind übrigens auch personen zu sehen, die außer schuhen nichts tragen … was ich wieder für lächerlich halte; wäre ich nudist, dann wäre mir der direkte bodenkontakt ganz besonders wichtig. Aber ich bin tolerant und der meinung, alle dürfen gern tragen, worauf sie lust haben, oder auch nicht. Ich bin auch schon mal barfuß im kilt oder kigurumi einkaufen gewesen, warum auch nicht?
Die Erkenntnis am Ende der Reportage (ab 30:20) gilt auch für mich auch perfekt für die Barfuss-Thematik:
„Vielleicht liegt mein Problem gar nicht so sehr an meiner eigenen Nacktheit / an meinem Körper, sondern eher daran wie die Gesellschaft darauf reagiert.“
„Ich glaube, für einen entspannteren Umgang mit unserer Nacktheit muss einfach unsere Gesellschaft bisschen entspannter werden.“
Ich glaube schon, dass unsere Gesellschaft im Umgang mit Nacktheit zurückhaltender geworden ist. „Prüderie“ halte ich dafür aber für den falschen Begriff. Sie wird nicht im klassischen Sinne prüde, also aus religiösen oder moralischen Motiven, sondern eher hypernormiert. Nacktheit ist kein Skandal mehr; der unzensierte Körper mit seinen Makeln und Asymmetrien gerät jedoch unter einen enormen ästhetischen Vergleichsdruck. Sich nackt zu zeigen, erfordert deshalb heute paradoxerweise oft mehr Mut als vor dreißig Jahren.
Mit der Barfußfrage würde ich das Thema nicht unmittelbar vermischen. Die meisten jungen Leute tragen Sneakers und lange Sportsocken wohl nicht aus Prüderie, sondern weil sie diesen Stil als ästhetisch empfinden. Sie denken nicht: „Oh Gott, bloß keine nackten Füße!“, sondern eher: „Weiße Sportsocken und Sneakers sehen einfach besser aus.“ Es geht nicht darum, den Fuß zu „verbergen“, sondern ihn stylisch zu „bekleiden“.
Das erklärt für mich eher, warum Barfußlaufen seltener geworden ist, als die Annahme, nackte Füße würden heute irgendwie als anstößig empfunden.
Ich schaue gerade Tour de France und stelle fest, daß das von Dorf zu Dorf verschieden ist. Im einen Dorf eine ganze Menge, im nächsten Dorf niemanden. (Also, bei den Zuschauern.)